Neue Studie: Kortison-Alternative bei nephrotischem Syndrom bei Kindern
Eine große Studie hat untersucht, ob es eine nebenwirkungsärmere Behandlung für Kinder mit nephrotischem Syndrom gibt. Bisher bekommen Kinder mit neu diagnostiziertem nephrotischem Syndrom mehrere Wochen ein Glukokortikoid (Kortison). Das hilft gut, ist aber oft mit Nebenwirkungen verbunden. Die Studie hat erstmals geprüft, ob ein anderes Medikament beim ersten Auftreten der Erkrankung genauso gut wirkt, aber weniger Nebenwirkungen verursacht.
Worum geht es bei dem nephrotischen Syndrom?
Das nephrotische Syndrom ist eine Nierenerkrankung, bei der Kinder viel Eiweiß über den Urin verlieren. Das kann zu Schwellungen zum Beispiel im Gesicht oder an den Beinen führen. Die Erkrankung verläuft oft rezidivierend, das heißt, dass Rückfälle auftreten.
Bisherige Behandlung mit Kortison
Üblicherweise werden Kinder beim ersten Auftreten der Erkrankung über viele Wochen mit Prednisolon behandelt. Prednisolon ist ein Kortison-Präparat. Dieses wirkt meist gut, kann aber bei längerer Anwendung Nebenwirkungen verursachen, zum Beispiel:
Bluthochdruck
Gewichtszunahme
Stimmungsschwankungen oder Verhaltensänderungen
Was wurde in der Studie untersucht?
Die Forschenden wollten wissen, ob das Medikament Mycophenolatmofetil genauso gut wirkt wie Prednisolon. Alle Kinder bekamen beim ersten Auftreten des Nephrotischen Syndroms zunächst Prednisolon, bis kein Eiweiß mehr im Urin nachgewiesen wurde. Für die weitere Behandlung wurden die Kinder in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe bekam drei Monate Prednisolon, die andere Gruppe bekam über den gleichen Zeitraum Mycophenolatmofetil. An der Studie nahmen über 250 Kinder im Alter von 1 bis 10 Jahren teil. Sie wurden für 2 Jahre beobachtet.
Mycophenolatmofetil
Die wirksame Substanz von Mycophenolatmofetil heißt Mycophenolsäure. Mycophenolsäure ist ein Immunsuppressivum. Das bedeutet in diesem Fall: Es bremst die Vermehrung von Zellen des Immunsystems. Bei Kindern mit häufigen Rückfällen des nephrotischen Syndroms kann es als Dauerbehandlung eingesetzt werden. Ziel ist es, die Erkrankung in der Ruhephase zu halten.
Prednisolon
Prednisolon ist ein Glukokortikoid (umgangssprachlich Kortison). Das vom Körper gebildete Glukokortikoid heißt Cortisol. Es ist ein körpereigenes Hormon, dass unser Körper bei Stress ausschüttet. Eine seiner Wirkungen: Es hemmt die Produktion bestimmter Eiweiße, die für Entzündungsreaktionen und unser Immunsystem wichtig sind. Kortison-Medikamente wirken ähnlich, indem sie die Wirkung von Cortisol nachahmen und sind somit ebenfalls Immunsuppressiva.
Die wichtigsten Ergebnisse
Beide Medikamente wirken ähnlich gut
Das Ziel der Behandlung mit den beiden Medikamenten ist es, Krankheitsrückfälle zu verhindern. Ein Rückfall bedeutet, dass wieder Eiweiß im Urin ist und das Kind wieder mit Kortison behandelt werden muss. In beiden Gruppen hatten vergleichbar viele Kinder keinen Rückfall innerhalb der zwei Jahre, in denen sie beobachtet wurden. Beide Medikamente haben ähnlich gut gewirkt.
Vorteile von Mycophenolatmofetil:
Während der 3-monatigen Behandlung hatten Kinder in der Mycophenolatmofetil-Gruppe deutlich seltener Kortison-typische Nebenwirkungen:
weniger Bluthochdruck
geringere Gewichtszunahme
weniger psychische Auffälligkeiten wie Stimmungsschwankungen, Angst oder Zurückgezogenheit
seltener äußerliche Kortison-Zeichen wie ein aufgedunsenes Gesicht
Diese günstigen Effekte waren auch nach zwei Jahren noch nachweisbar.
Nachteil von Mycophenolatmofetil:
Die Kinder in der Mycophenolat-Mofetil-Gruppe hatten etwas häufiger Infektionen, dabei traten Atemwegsinfektionen am häufigsten auf. Die Häufigkeiten der Atemwegsinfekte entsprachen jedoch der normalen Häufigkeit bei gesunden Kindern gleichen Alters.
Die vollständige Studie kannst Du hier nachlesen:
Mycophenolate mofetil versus prednisone for the initial treatment of idiopathic steroid-sensitive nephrotic syndrome in children in Germany (INTENT): a multicentre, open-label, randomised, controlled, parallel-group, non-inferiority, phase 3 trial
Warum heißt die Studie „INTENT"?
Wissenschaftliche Studien bekommen häufig einen kurzen, einprägsamen Namen, weil der vollständige Titel oft lang und schwer zu merken ist. INTENT ist ein Akronym und fasst die wichtigsten Bestandteile zusammen: Initial Treatment of idiopathic steroid-sensitive nephrotic syndrome Trial.
Gleichzeitig steckt im Wort „Intent" eine Botschaft: Es beschreibt auf Englisch die Absicht der Studie, eine bessere und verträglichere Behandlung für Kinder zu finden.
In aller Kürze
Mycophenolatmofetil könnte eine gute Alternative zu Prednisolon sein. Es verursacht dabei deutlich weniger Kortison-typische Nebenwirkungen. Diese Ergebnisse könnten die Behandlung von Kindern mit nephrotischem Syndrom verändern. Besonders für Kinder, die stark unter den Nebenwirkungen von Kortison leiden, zeigt sich hier eine echte Alternative.
Benz, M. R., Sander, A., Ehren, R., Höcker, B., Fichtner, A., Gellermann, J., Thumfart, J., Mayer, B., Sauerstein, K., Mühlig, A., Schild, R., Kanzelmeyer, N., Haffner, D., Fehrenbach, H., Pohl, M., Klaus, G., Schmidt, S. C., Konrad, M., Querfeld, U., Hoyer, P. F., … INTENT investigators (2026). Mycophenolate mofetil versus prednisone for the initial treatment of idiopathic steroid-sensitive nephrotic syndrome in children in Germany (INTENT): a multicentre, open-label, randomised, controlled, parallel-group, non-inferiority, phase 3 trial. The Lancet. Child & adolescent health, 10(5), 340–351. https://doi.org/10.1016/S2352-4642(25)00373-6
Wie findest Du diesen Beitrag?