Die Rolle des Komplementsystems bei Nierenkrankheiten
Prof. Dr. Elke Neumann-Haefelin, 06.01.2026
Zusammenfassung In aller Kürze

Die Rolle des Komplementsystems bei Nierenkrankheiten

Die Nieren sind lebenswichtige Organe: Sie filtern das Blut, scheiden Abfallstoffe aus und regulieren den Wasser- und Salzhaushalt. Bei Komplement-vermittelten Nierenkrankheiten schädigt eine fehlgesteuerte Immunreaktion dieses Filtersystem. Doch was bedeutet das genau und wie entstehen sie?

01.

Was ist das Komplementsystem?

Das Komplementsystem ist ein Teil unserer angeborenen Immunabwehr, die den Körper vor Krankheitserregern schützt.

Es umfasst zahlreiche Eiweiße im Blut, die in einer Kettenreaktion aktiviert werden, wenn beispielsweise Bakterien oder Viren in den Körper eindringen.

Das Komplementsystem übernimmt mehrere Aufgaben:

  • Es erkennt und bekämpft Krankheitserreger.

  • Es markiert Krankheitserreger für andere Immunzellen.

  • Es löst Entzündungsreaktionen aus.

Normalerweise sorgen verschiedene Kontrollproteine dafür, dass diese Abwehrreaktion nur kurz und gezielt abläuft. So soll verhindert werden, dass körpereigene Zellen – etwa in den Nieren – fälschlicherweise angegriffen werden.

02.

Wie und warum schädigt das Komplementsystem die Nieren?

Wenn das Komplementsystems nicht richtig kontrolliert wird, reagiert es falsch oder zu stark und greift auch gesunde, körpereigene Zellen an.

Ursachen können sein:

  • Genetische Veränderungen: Die Bauanleitung für Eiweiße, die das Komplementsystem steuern (Kontrollproteine) kann fehlerhaft sein. Dadurch können diese Eiweiße ihre Kontrollfunktion nicht richtig erfüllen.

  • Fehlgeleitete Abwehrstoffe des Immunsystems (Autoantikörper): Diese Abwehrstoffe richten sich gegen den eigenen Körper und halten das Komplementsystem dauerhaft aktiv.

  • Auslösende Faktoren (Trigger): Infektionen, eine Schwangerschaft oder bestimmte Medikamente können das Komplementsystem verändern und eine Fehlreaktion auslösen.

In den Nieren führt die dauerhafte oder unkontrollierte Aktivierung des Komplementsystems zu Entzündungen der feinen Gefäße und Filtereinheiten (Glomeruli). Dadurch werden Gefäßwände geschädigt, es bilden sich kleine Blutgerinnsel und Filterstrukturen vernarben mit der Zeit.

03.

Welche Nierenkrankheiten sind Komplement-vermittelt?

Zu den wichtigsten Krankheiten zählen:

  • atypisches hämolytisch-urämisches Syndrom (aHUS)

    Was die Überaktivierung des Komplementsystems bei aHUS auslöst ist noch nicht vollständig geklärt. Fachleute gehen davon aus, dass genetische Veränderungen in Kontrollproteinen oder Autoantikörper vorliegen. Meistens braucht es zusätzlich einen auslösenden Faktor, zum Beispiel eine Infektion. Typische Folgen sind Schäden an den kleinsten Gefäßen (thrombotische Mikroangiopathie) vor allem in den Nieren sowie Blutarmut, ein Mangel an Blutplättchen und ein akutes Nierenversagen.

  • C3-Glomerulopathie (C3G)

    Bestimmte Bestandteile des Komplementsystems (C3) lagern sich in den Nierenfiltern ab und verursachen eine chronische Entzündung mit schleichender Funktionsabnahme.

Diese Krankheiten sind sehr selten, können aber einen schweren Verlauf nehmen.

Bei vielen anderen Nierenkrankheiten wird das Komplementsystem erst sekundär aktiviert als Folge des Nierenschadens. Das Komplementsystem trägt dann zur weiteren Schädigung der Nieren bei, ist aber nicht deren Auslöser.

Zu diesen Krankheiten gehören zum Beispiel:

  • Membranoproliferative Glomerulonephritis (MPGN)

  • IgA-Glomerulonephritis

  • ANCA-Vaskulitis

  • Membranöse Glomerulonephritis (MGN)

  • Lupus Nephritis

  • Infekt-assoziierte Glomerulonephritis

03.

Welche Symptome können auftreten?

Die Beschwerden sind oft unspezifisch, besonders zu Beginn. Du kannst unter anderem folgende Beschwerden bemerken:

  • Wassereinlagerungen (Ödeme) an Beinen, Füßen, Augenlidern oder im ganzen Körper sowie Gewichtszunahme durch Flüssigkeit

  • schaumiger Urin, was auf Eiweiß im Urin hinweisen kann

  • Blut im Urin, dass Du manchmal aber nicht mit dem bloßen Auge sehen kannst

  • erhöhter Blutdruck

  • Müdigkeit, geringere Leistungsfähigkeit oder Appetitlosigkeit

  • in schweren Fällen eine rasche Verschlechterung der Nierenfunktion

Beim aHUS können zusätzliche Symptome auftreten, die durch Gefäßschäden im ganzen Körper entstehen. Dazu zählen zum Beispiel eine starke Blutarmut, kleine punktförmige Hautblutungen, neurologische Beschwerden oder Bauchschmerzen.

04.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Die Behandlung richtet sich nach der genauen Krankheit und ihrem Verlauf.

Die Behandlung verfolgt zwei Ziele: Sie soll die Nieren schützen und die fehlgesteuerte Komplementaktivität bremsen.

Wichtig dabei ist immer:

  • den Blutdruck senken und stabil halten

  • mit Medikamenten verhindern, dass Eiweiß über den Urin verloren geht

Medikamente die das Immunsystem hemmen (Immunsuppressiva)

Sie kommen nur in bestimmten Situationen zum Einsatz. Ob sie für Dich sinnvoll sind, hängt von der Ursache Deiner Krankheit ab. Dein Behandlungsteam bespricht mit Dir, ob diese Behandlung für Dich infrage kommt.

Medikamente, die das Komplementsystem gezielt hemmen (Komplementinhibitoren)

Diese Medikamente greifen in die Komplementreaktion ein, die bei Dir zu stark arbeitet. Eine Herausforderung bei der Therapie besteht darin, genau den überaktiven Teil des Komplementsystems zu hemmen ohne Dich anfälliger für Krankheitserreger zu machen.

05.

In aller Kürze

Komplement-vermittelte Nierenkrankheiten entstehen, weil Dein Immunsystem falsch aktiviert wird und Deine Nieren schädigt. Sie kommen selten vor und sind oft schwer zu erkennen. Man kann sie aber immer besser behandeln, besonders weil es heute moderne Therapien gibt, die ganz gezielt wirken. Besonders wichtig ist, dass Ärztinnen und Ärzte die Krankheit früh erkennen und Du in einem spezialisierten Zentrum betreut wirst.

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