Dr. Judith Heindel, 30.07.2026
Zusammenfassung In aller Kürze

Schwangerschaft mit einer Nierenkrankheit

Die Schwangerschaft ist eine Zeit der Vorfreude. Für Frauen mit einer Nierenkrankheit bringt diese Zeit besondere Herausforderungen mit sich. Welche Komplikationen können für die Mutter und das Kind auftreten? Wird die Nierenfunktion durch die Schwangerschaft geschwächt? Was sollte ich beachten? In diesem Artikel findest Du wichtige Aspekte, die Du über eine Schwangerschaft mit einer Nierenkrankheit kennen solltest.

01.

Was verändert sich in den Nieren, wenn ich schwanger bin?

Während der Schwangerschaft kommt es – auch bei Frauen mit gesunden Nieren – zu einigen Veränderungen in den Nieren. Hierzu gehören folgende Aspekte:

  • Die Nieren werden stärker durchblutet und die sogenannte glomeruläre Filtrationsrate (GFR) steigt an.

  • Durch das erhöhte Blutvolumen nimmt die Konzentration der abgebauten Stoffe ab. Die Serum-Kreatinin-Konzentration sinkt.

  • Die Nierenfilter werden durchlässiger, sodass mehr Eiweiß über den Urin ausgeschieden wird. Bei Schwangeren kann die Eiweißausscheidung daher bis zu 300 Milligramm am Tag betragen.

Außerdem wird die Plazenta stärker durchblutet. Dadurch weiten sich die Blutgefäße und der Blutdruck sinkt.

02.

Gibt es ein erhöhtes Risiko für Komplikationen bei einer Schwangerschaft mit einer Nierenkrankheit?

Bei einer Schwangerschaft mit einer chronischen Nierenkrankheit können Komplikationen auftreten. Das Risiko für Komplikationen hängt von verschiedenen Faktoren ab. Es steigt:

  • mit dem Grad der chronischen Nierenkrankheit,

  • bei Bluthochdruck,

  • bei erhöhter Eiweißausscheidung über den Urin,

  • bei Erkrankung an Typ-1-Diabetes mellitus,

  • und bei einer zugrunde liegenden Autoimmunerkrankung.

Durch eine verbesserte frühzeitige Diagnostik und Behandlung können heutzutage viele Komplikationen verhindert werden. Frauen mit einer chronischen Nierenkrankheit, die schwanger werden möchten, sollten deshalb frühzeitig mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt darüber sprechen. Es gibt verschiedene Fragen, die im Vorfeld zu beachten sind:

  • Ist es nötig, die Medikation umzustellen? Dabei spielt die individuelle Behandlung etwa mit Immunsuppressiva, Blutverdünnern und Blutdrucksenkern eine Rolle.

  • Wie ist die Krankheitsaktivität? Kann die medikamentöse Behandlung reduziert werden? Oder ist das wegen einer möglichen Verschlechterung der Nierenfunktion nicht möglich?

  • Wie sieht es mit Begleiterkrankungen aus? Gibt es im Vorfeld Optimierungsmöglichkeiten?

  • Ist eine weitere Diagnostik vor Beginn einer Schwangerschaft notwendig oder gewünscht?

  • Gibt es aktuell private oder berufliche Gründe, die es erschweren, häufigere ärztliche Termine wahrzunehmen?

  • Gibt es bereits eine Anbindung an ein spezialisiertes Geburtshilfezentrum (Perinatalzentrum)?

Solange kein Kinderwunsch besteht, wird Frauen mit einer Nierenkrankheit empfohlen, sichere Verhütungsmethoden zu nutzen. Das gilt vor allem wenn Medikamente eingenommen werden, die während einer Schwangerschaft nicht sicher sind.

03.

Welche Komplikationen können für die Mutter entstehen?

Während einer Schwangerschaft können verschiedene Komplikationen bei der Mutter auftreten, unter anderem kann es zu einem schwangerschaftsassoziierten Bluthochdruck kommen.

In seltenen Fällen können die Nieren akut geschädigt werden, sodass eine intensivmedizinische Behandlung und eine Nierenersatztherapie (Dialyse) während der Schwangerschaft notwendig werden kann.

Je nachdem, wie schwer die Nierenkrankheit ist, wie die Schwangerschaft verläuft und ob eventuell weitere Vorerkrankungen vorliegen, kann sich das auf die Sterblichkeitsrate bei schwangeren Frauen auswirken. In der Regel ist das Risiko für schwangere Frauen mit einer chronischen Nierenkrankheit erhöht im Vergleich zu Frauen ohne diese Erkrankung.

Deshalb ist es wichtig, dass schwangere Frauen mit chronischer Nierenkrankheit ärztlich eng betreut werden, um das Risiko von Komplikationen zu minimieren. Individuelle Risikofaktoren und spezifische medizinische Bedürfnisse werden dabei berücksichtigt.

Was ist eine Präeklampsie?

Von einer Präeklampsie spricht man, wenn ein Bluthochdruck erstmalig in der Schwangerschaft auftritt oder wenn sich ein bestehender Bluthochdruck verschlechtert und zusätzlich ein weiteres Organ betroffen ist. Ein mögliches Zeichen dafür ist zum Beispiel eine erhöhte Eiweißausscheidung über den Urin. Früher bzw. im Volksmund wird die Krankheit auch „Schwangerschaftsvergiftung“ genannt. Falls es zu einer Präeklampsie kommt, dann tritt sie in der Regel nach der 20. Schwangerschaftswoche auf.

Im Gegensatz zum schwangerschaftsassoziierten Bluthochdruck sind bei einer Präeklampsie zusätzlich andere Organe, wie etwa die Leber oder die Nieren, betroffen. In der Regel kommt es dabei zu einer vermehrten Ausscheidung von Eiweiß über den Urin (Proteinurie). Die Unterscheidung zwischen einem üblichen Anstieg der Eiweißausscheidung in der Schwangerschaft etwa durch eine Umstellung der Medikamente. Eine Präeklampsie kann nur durch eine erfahrene Ärztin oder einen erfahrenen Arzt erfolgen.

Eine Präeklampsie kann sich durch verschiedene Beschwerden bemerkbar machen. Achte besonders auf:

  • starke Kopfschmerzen, die neu auftreten oder nicht nachlassen

  • Sehstörungen, zum Beispiel Flimmern vor den Augen

  • Schmerzen im rechten Oberbauch

  • plötzlich auftretende Schwellungen, vor allem an Gesicht oder Händen

  • deutlich weniger Kindsbewegungen als sonst

Wenn Du solche Beschwerden bemerkst, solltest Du zu Deiner Ärztin oder Deinem Arzt gehen.

Eine Präeklampsie kann zu ernsthaften Komplikationen wie Krampfanfällen (Eklampsie) führen, die sowohl für die Mutter als auch für das Kind gefährlich sein können. Wenn eine Präeklampsie frühzeitig erkannt wird, kann sie meistens gut behandelt werden. Wichtig dabei ist, dass der Blutdruck gut überwacht und eingestellt wird. Wenn bei Dir eine Präeklampsie auftritt, wird das Behandlungsteam Dich darum bitten, dass Du Dich körperlich schonst und gegebenenfalls bestimmte Medikamente einnimmst. Ein ausgeglichener Flüssigkeitshaushalt ist sehr wichtig. Wenn die Präeklampsie nicht eingedämmt werden kann, kann eine frühzeitige Entbindung erforderlich sein.

04.

Welche Komplikationen können für das Kind entstehen?

Auch Frauen mit einer chronischen Nierenkrankheit können ein gesundes Kind zur Welt bringen. Das Risiko für ein verzögertes Wachstum des Kindes oder für eine Frühgeburt ist jedoch im Vergleich zu gesunden Frauen erhöht. Auch das Geburtsgewicht ist häufiger reduziert.

Außerdem können weitere schwere Komplikationen auftreten. So ist das Risiko für eine Fehlgeburt oder das Versterben des Neugeborenen vor dem ersten Lebensjahr bei Schwangeren mit einer chronischen Nierenkrankheit erhöht. Deshalb ist eine engmaschige nephrologische und gynäkologische Betreuung sehr wichtig. Sie dient dazu, das Risiko von Komplikationen möglichst gering zu halten.

05.

Kann sich meine Nierenfunktion durch die Schwangerschaft verschlechtern?

Bei einer Schwangerschaft kann sich die Nierenfunktion verschlechtern. Wie hoch das Risiko dafür ist, ist individuell unterschiedlich und hängt von verschiedenen Faktoren ab. Dazu zählen insbesondere die zugrunde liegende Nierenkrankheit, Proteinurie, Bluthochdruck und Präeklampsie. Auch die glomeruläre Filtrationsrate vor der Schwangerschaft spielt eine Rolle, wobei das Risiko für eine anhaltend verschlechterte Nierenfunktion, also mehr als6 Monate nach Geburt, insbesondere bei fortgeschrittener Nierenkrankheit erhöht ist.

06.

Darf ich meine Medikamente während der Schwangerschaft weiter einnehmen?

Viele der Medikamente, die zur Behandlung von Nierenkrankheiten eingesetzt werden, dürfen während der Schwangerschaft nicht eingenommen werden. Dazu zählen zum Beispiel ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptorblocker (Sartane). Diese Medikamente können vor allem dem ungeborenen Kind schaden. Deshalb wird die Behandlung des Blutdrucks häufig auf Medikamente umgestellt, die als sicher für Mutter und ungeborenes Kind gelten. Dazu gehören:

  • Alpha-Methyldopa

  • Nifedipin

  • Metoprolol

  • Urapidil

  • Amlodipin

  • Dihydralazin

Auch einige immunsuppressive Medikamente dürfen in der Schwangerschaft nicht verwendet werden, sodass die Behandlung bereits bei Kinderwunsch angepasst werden sollte.

Solltest Du einen Kinderwunsch haben, ist es wichtig, dass Du das frühzeitig in einem ärztlichen Beratungstermin ansprichst. Arbeite mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt zusammen, damit Ihr sicherstellen könnt, dass Du die richtige Behandlung erhältst, die sowohl Deine Nierenfunktion als auch die Gesundheit Deines ungeborenen Kindes bestmöglich schützt.

07.

Was kann ich tun, um meinen Schwangerschaftsverlauf positiv zu beeinflussen?

Ernährung und Flüssigkeitszufuhr

Eine gesunde Ernährung und ausreichende Flüssigkeitszufuhr sind während jeder Schwangerschaft wichtig. Du kannst zusätzlich darauf achten, nicht mehr als einen Teelöffel (5-7 Gramm) Salz pro Tag zu essen. Das gilt insbesondere, wenn Du eine Nierenkrankheit hast.

In der Schwangerschaft brauchst Du etwas mehr Energie als sonst. Der tägliche Kalorienbedarf pro Kilogramm Körpergewicht im ersten Schwangerschaftsdrittel liegt als Faustregel bei etwa 24 bis 40 Kilokalorien pro Kilogramm, abhängig von Bewegung und Aktivität. Das ergibt Deinen täglichen Kalorienbedarf. Im zweiten Drittel kommen etwa 250 Kilokalorien pro Tag dazu, im dritten Drittel etwa 500 Kilokalorien pro Tag. Beispiel: Wenn Du 70 Kilogramm wiegst, solltest Du am Anfang der Schwangerschaft rund 2240 Kilokalorien pro Tag zu Dir nehmen. Am Ende der Schwangerschaft sind es etwa 2740 Kilokalorien.

Wenn Du einen Vitamin D, Eisen oder Folsäuremangel hast, solltest Du diesem durch die Einnahme von Vitamin D, Eisen und Folsäure entgegenwirken.

Deine Ärztin oder Dein Arzt kann Dir dabei helfen, einen Ernährungsplan zu erstellen, der Deine Nieren unterstützt und gleichzeitig die Bedürfnisse Deines wachsenden Babys deckt.

Regelmäßige Kontrolle von Blutdruck und Urin

Während der Schwangerschaft ist es wichtig, dass der Blutdruck und der Eiweißgehalt im Urin regelmäßig kontrolliert werden. Das kann helfen, Anzeichen einer Präeklampsie frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, um das Risiko von Komplikationen zu verringern.

08.

Welche Vorsorgeuntersuchungen sollten in der Schwangerschaft bei chronischer Nierenkrankheit erfolgen?

Während einer Schwangerschaft werden verschiedene Vorsorgeuntersuchungen gemacht. Von Deiner betreuenden Gynäkologin oder Deinem betreuenden Gynäkologen wird Dir häufig ein Erst-Trimester-Screening angeboten. Dabei werden Ultraschall oder auch Laboruntersuchungen gemacht. Bei Frauen mit einer chronischen Nierenkrankheit können noch weitere Untersuchungen hinzukommen. Ob und welche Untersuchungen Du machen möchtest, entscheidest Du gemeinsam mit Deinem Behandlungsteam.

  • Pränataldiagnostik: Sollte das Risiko für Fehlbildungen erhöht sein, kann ein Screening auf Fehlbildungen des Babys mittels Ultraschall zwischen der 20. und 22. Schwangerschaftswoche gemacht werden.

  • Diabetesscreening: Bestimmte Medikamente, wie z. B. die Immunsuppressiva Kortison oder Calcineurininhibitoren, können einen Schwangerschaftsdiabetes hervorrufen. Bereits im 1. Trimester sollte ein Screening auf einen Schwangerschaftsdiabetes erfolgen.

  • Abschätzung des Präeklampsie-Risikos: Das individuelle Risiko einer Präeklampsie sollte mittels Labordiagnostik abgeschätzt werden. Bei einem erhöhten Risiko kann es sein, dass in Rücksprache mit dem Behandlungsteam die vorbeugende Einnahme von ASS erforderlich ist.

  • Sollte das Risiko für eine Wachstumsverzögerung des Babys erhöht sein, erfolgen regelmäßige Ultraschalluntersuchungen bei der behandelnden Gynäkologin oder dem Gynäkologen sowie regelmäßige nephrologische und gynäkologische Untersuchungstermine sowie die Mitbetreuung durch ein Perinatalzentrum.

09.

Was ist bekannt zum Verlauf von Schwangerschaften bei Frauen mit IgA Nephropathie?

Die bisherigen Daten dazu, wie sich eine IgA-Nephropathie (IgAN) auf eine Schwangerschaft auswirkt, sind noch begrenzt. Die bisherigen Erkenntnisse zeigen aber, dass die meisten Frauen mit IgA Nephropathie eine insgesamt gut verlaufende Schwangerschaft haben, wenn die Nierenfunktion erhalten und die Eiweißausscheidung im Urin gut eingestellt ist. Das Risiko für Komplikationen während der Schwangerschaft ist jedoch höher, wenn die Nierenfunktion eingeschränkt ist, mehr Eiweiß im Urin ausgeschieden wird oder Begleitkrankheiten wie Bluthochdruck nicht gut eingestellt sind .

Während der Schwangerschaft ist wichtig zu beachten, dass einige Medikamente zur Behandlung der IgA Nephropathie nicht eingenommen werden dürfen. Dazu gehören zum Beispiel:

  • Budesonid

  • Sparsentan

  • ACE Hemmer

  • Angiotensin-Rezeptor-Blocker (Sartane)

  • SGLT2-Hemmer wie Dapagliflozin oder Empagliflozin.

Daher sollte eine Schwangerschaft bei Frauen mit IgA Nephropathie am besten geplant und mit der behandelnden Neprhrologin oder dem behandelnden Nephrologen vorbesprochen werden. Während der Schwangerschaft können die Frauen dann intensiver betreut und kontrolliert werden.

10.

Was muss ich für die Geburt beachten?

Bei Schwangeren mit einer chronischen Nierenkrankheit ist es nicht notwendig, die Geburt am ermittelten Tag der Entbindung oder früher medizinisch einzuleiten. Wenn aber etwa Komplikationen bei der Mutter oder dem Kind vorliegen, kann sich das auf den Zeitpunkt der Geburt und auf die Art der Entbindung auswirken. Schwangeren mit einer chronischen Nierenkrankheit wird empfohlen, in einem Perinatalzentrum zu entbinden. Das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen hat eine Liste mit Perinatalzentren in Deutschland zusammengestellt. Das Zentrum sollte dabei über eine angeschlossene Nephrologie verfügen. Mütter mit einer chronischen Nierenkrankheit sollten ihr Kind, sofern möglich, für mindestens 4 Monate stillen. Für sie ist es empfehlenswert, einen ärztlichen Termin bei ihrer Nephrologin oder ihrem Nephrologen für spätestens 6 Wochen nach der Geburt zu vereinbaren.

11.

In aller Kürze

Frauen mit einer Nierenkrankheit können sich einen Schwangerschaftswunsch erfüllen. Eine besondere Herausforderung dabei ist eine sorgfältige Planung sowie zusätzliche regelmäßige Kontrollen. Sie dienen dazu, das Risiko von Komplikationen möglichst gering zu halten und die Gesundheit von Mutter und Kind zu schützen. Eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem ärztlichen Team und ein gesunder Lebensstil spielen dabei eine wichtige Rolle.

Auch wenn hier von Frauen die Rede ist, die Infos gelten für Dich und für alle Menschen, die schwanger werden können.

Zusätzliche Quelle 

Gonzalez Suarez ML, Kattah A, Grande JP, Garovic V. Renal Disorders in Pregnancy: Core Curriculum 2019. Am J Kidney Dis. 2019 Jan;73(1):119-130. doi: 10.1053/j.ajkd.2018.06.006. Epub 2018 Aug 16. Erratum in: Am J Kidney Dis. 2019 Jun;73(6):897. doi: 10.1053/j.ajkd.2019.02.005 

Jarrick, S., Lundberg, S., Stephansson, O., Symreng, A., Bottai, M., Höijer, J., & Ludvigsson, J. F. (2021). Pregnancy outcomes in women with immunoglobulin A nephropathy: a nationwide population-based cohort study. Journal of nephrology, 34(5), 1591–1598. https://doi.org/10.1007/s40620-021-00979-2 

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